Fintech: Ausblick auf die Trends 2017

Auswirkungen von Trump, Brexit und Bundestagswahl auf die Branche

Das Jahr 2016 war nicht nur für Deutschland aufregend. Die internationale Wirtschaft und Politik sah sich vielen Herausforderungen, aber auch Chancen gegenüber. Von der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, bis hin zum EU-Austritt des Vereinigten Königreichs und den Bundestagswahlen. Was dies für die Finanztechnologie im nächsten Jahr 2017 bedeutet, haben sechs Experten zusammengefasst.

„Einer möglichen Zinswende sehen wir gelassen entgegen“

Raffael Johnen, Gründer und CEO von auxmoney

„Als wir vor knapp zehn Jahren gestartet sind, gab es den Begriff Fintech noch nicht einmal. 2007 steckte die Digitalisierung der Finanzbranche noch in den Kinderschuhen. Auch Politik und Gesellschaft haben das enorme Potenzial junger, aufstrebender Finanz-Startups lange Zeit vernachlässigt.

Inzwischen hat sich zum Glück einiges verändert: die Bundesregierung und die Aufsichtsbehörden beschäftigen sich mit dem Thema sehr konstruktiv und haben die Innovationskraft der Brache erkannt. Dazu haben wir auch einen Betrag geleistet, indem wir und die Bundesbank deutlich machen konnten, welchen großen Beitrag Kreditmarktplätze bei der Kreditversorgung in Deutschland leisten.

Von der neuen Bundesregierung erwarten wir den eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu gehen. Wir brauchen stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Investitionen fördern und weiteres Wachstum für Fintechs ermöglichen. Von den zunehmenden Unsicherheiten an den Märkten durch die Wahl Donald Trumps und den Brexit erwarten wir keine negativen Auswirkungen auf das Investitionsklima.

Einer bevorstehenden Zinswende in den USA und Europa sehen wir gelassen entgegen. Bei steigenden Zinsen wird es für viele Menschen erst recht schwierig Kredite von Banken zu bekommen. Bei uns haben sie eine faire Chance auf einen Kredit.“

„Die mangelnde Hilfestellung der Politik könnte Fintechs ein Dorn im Auge sein.“

Johannes Laub, Geschäftsführer des Crowdinvesting-Spezialisten CrowdDesk

„Wir blicken positiv ins Fintech-Jahr 2017. Die Fintech-Szene boomt, daran kann auch das politische Klima nichts ändern. Denn die Disruption im Finanzwesen ist im vollen Gange – da braucht es schon mehr als den Brexit und Trump als US-Präsidenten, um diese Entwicklung aufzuhalten.

Auch Investitionen in Crowdprojekte sind durch die zunehmende Unsicherheit an den Märkten und in der politischen Sphäre nicht gefährdet. Vielmehr sind wir davon überzeugt, dass sich eine zunehmende Marktunsicherheit positiv auf Schwarmfinanzierungsplattformen auswirkt, weil sie die selbstbestimmte Auswahl bei Geldanlagen durch Investoren und Kleinanleger fördert.

Nur die mangelnde Hilfestellung seitens der Politik könnte Fintechs im neuen Jahr ein Dorn im Auge sein. Deutschland hat die Chance, sich als zentraler Fintech-Hub in Europa zu etablieren. Dafür braucht es aber eine Regierung, die es versteht mit den jungen Unternehmen und den Innovationen den Finanzmarkt zu demokratisieren und volkswirtschaftlich auszubalancieren. Hierfür wird nicht einmal eine Liberalisierung notwendig sein – vielmehr muss darauf geachtet werden, dass bestehende Gesetze „digital“ werden und neue Gesetze nicht neue Eintrittsbarrieren schaffen.“

„Chat-Bots und digital Sprachschnittstellen als Fintech-Trends 2017“

Hartmut Giesen, Business Development Fintech, Sutor Bank

„Welche Produkte oder Geschäftsmodelle 2017 in ihrer Bedeutung steigen werden, ist schwierig zu prognostizieren. Aber auf welchen Technologien oder Konzepten sie basieren, lässt sich schon absehen: Wir gehen davon aus, dass wir bedeutende Fintech-Innovationen in den Bereichen Blockchain und Künstliche Intelligenz (KI) sehen werden. Darüber hinaus glauben wir, dass die bevorzugte Nutzerschnittstelle in Zukunft die natürliche Sprache sein wird: Entweder in geschriebener Form via Chat-Bots oder gesprochen über neue Endgeräte wie Amazon Alexa oder Google Home. Die ersten konkreten Fintech-Anwendungen standen bei den diversen Hackathons der Branche schon im Fokus der Entwickler.

Eine weitere Entwicklung, die wir sehen ist, dass Fintech auch von Nicht-Fintechs und Nicht-Banken vorangetrieben wird. Plattform-, Industrie- oder Energie-Unternehmen nutzen Fintech zunehmend, um Finanz- oder Banking-Funktionen in ihre Systeme zu integrieren. Banking wird so zum unsichtbaren Hintergrundprozess.

Wir sind überzeugt, dass der Fintech-Standort Deutschland sich 2017 gut entwickeln wird, auch aus eigener Kraft, nicht nur als „Substitut-Markt“ für das brexierende Großbritannien. Die Politik ist dabei grundsätzlich schon auf dem richtigen Weg: Auf Bundesebene ist Fintech Staatsekretär-Thema, in den Ländern beschäftigen sich Minister damit. Auch die Regulierungsinstitutionen Bundesbank und Bafin haben inzwischen eigene Fintech-Abteilungen eingerichtet oder zumindest Fintech-Ansprechpartner bestimmt.

Der Appell an die Regierung geht eher in die allgemeine Richtung, die Digitalisierung in Deutschland weiter zu fördern – hier gibt es Nachholbedarf – und dies speziell im Finanz-Sektor durch die Fortschreibung einer digitalkompatiblen Regulierung zu konkretisieren.

Ob die Wahl von Trump oder der Brexit konkret für sich das Investitionsklima verbessern und verschlechtern, kommt auf den Standpunkt an. Da Trump die Regulierung der Banken zurückfahren möchte, könnte sich das Investitionsklima hier kurzfristig verbessern. Der Brexit ist sicherlich weniger gut für die Fintech-Investitionen in UK, aber vielleicht ein Verstärker für die Investitionen in den verbleibenden EU-Staaten.

Generell ist aber eine nationale ausgerichtete Politik, die sich gegen offene Grenze, Toleranz und freien Handel richtet, langfristig investitionsfeindlich für alle Branchen.“

„Wir warten nicht auf Apple & Co. Mobile Payment ist an Deutschlands Kassen längst Realität“

Dr. Jürgen Schulz, Head of IT Operations, Mobile Payment-Anbieter UMT AG

„Die Deutschen lieben ihr Bargeld. Lange glaubte man deswegen, dass Mobiles Bezahlen mit dem Smartphone in Deutschland keine Rolle spielen wird. Doch im vergangenen Jahr hat sich das Meinungsklima entschieden verändert: Während 2015 noch fast drei Viertel der Deutschen dem mobilen Bezahlen nicht aufgeschlossen waren, steht dem heute fast jeder zweite positiv gegenüber.

Wir warten nicht bis Apple, Google und Co. mit ihren Payment-Angeboten auf den deutschen Markt kommen. Mobile Payment ist auch ohne die Präsenz des Silicon Valley längst Realität in Deutschland. Die Technologie der UMT AG kann schon heute an über 20.000 Kassen in Deutschland genutzt werden.

Dieses Beispiel zeigt, worauf es ankommt, damit sich mobile Bezahlverfahren durchsetzen: Unserer Überzeugung nach werden sich die mobilen Bezahlverfahren durchsetzen, die dem Sicherheitsbedürfnis der deutschen Verbraucher Rechnung tragen, einfach zu bedienen sind und an vielen Akzeptanzstellen einsetzbar sind. Dieser Mix sorgt dafür, dass noch mehr Menschen in Deutschland die Vorteile des mobilen Bezahlens per Smartphone erkennen und nutzen.“

„Der Grund #1 warum Fintechs sterben werden“

Rein Ojavere, CFO von Bondora

„Es ist traurig aber wahr: Zahlreiche Fintechs werden das Jahr 2017 nicht überleben. Wir haben bereits 2016 etliche Pleiten gesehen und im kommenden Jahr wird es nicht anders. Zu viele Anbieter tummeln sich auf einem Gebiet wie Mobile Payments, wo es am Ende nur einen Sieger geben kann.

Der Fehler, den viele Fintechs machen: Sie konzentrieren sich auf Technologie. Doch die großen Banken haben schon nachgezogen – oder werden es 2017. Eine App ist schnell programmiert, ein Robo-Advisor ebenfalls. Technologie kann leicht nachgebaut werden und die großen Banken haben die finanziellen Mittel dazu.

Um zu überleben sollten sich Fintechs auf Märkte konzentrieren, nicht auf Technik. Diesem Konzept folgt Bondora und hat einen der führenden europaweiten Kreditmarktplätze erschaffen, auf dem Kreditnehmer und Investoren zusammengebracht werden. Auf den abgegrasten Wiesen sind die Banken schwer zu schlagen, man sollte also nicht nach ihren Regeln spielen. Stattdessen sollte man eine neue Wiese erschaffen und selbst die Regeln aufstellen – so wie Facebook nicht die E-Mail herausforderte, sondern eine komplett neue Form der Kommunikation erfand.“

„Robo Advisor geben mehr für Marketing aus, als sie Assets verwalten“

Philipp von Wartburg, Geschäftsleiter Technologie & IT, Deutsche Gesellschaft für RuhestandsPlanung (DGfRP)

„2017 werden wieder einige Fintech-Start-ups auf den Markt drängen. Ob die vorwiegend auf Technik basierenden Ideen aber nachhaltig sind und auch eingebettet in ein Geschäftsmodell funktionieren, muss erst noch bewiesen werden. So werden beispielsweise Robo Advisor hochgelobt, geben aber wahrscheinlich mehr für Marketing aus, als sie Assets verwalten. Dabei sind sie wirklich gut darin, Fakten zu sammeln und zu ordnen. Die Algorithmen erkennen aber noch nicht alle Zusammenhänge, sondern konzentrieren sich auf Weniges. Damit können sie bei der individuellen, umfassenden Beratung nur unterstützend eingesetzt werden.

Da die Ruhestandsplanung zu den komplexesten aller Beratungsarten zählt, können Robo Advisor hier das persönliche Gespräch definitiv nicht ersetzen, denn: Geld braucht Ansprache! Eine qualifizierte Kundenberatung bedarf der Interaktion zwischen Berater und Kunden und hat viel mit einem umfassenden Blick auf die Situation zu tun. Und diesen schaffen die heutigen Robo Advisor noch nicht – das wird noch mindestens zwei bis drei Fintech-Generationen dauern.“

 

 

Bild: Depositphotos zhudifeng

JC

Kommentare

Top