„P2P-Geldanlage ist reale Science Fiction“ – Interview mit Mariusz-Cyprian Bodek

Geldanlage

Das nachfolgende Interview erschien zuerst auf P2P Investment.

Mariusz-Cyprian Bodek (34) ist Gründer und Leiter der comdirect Startup Garage, dem ersten Accelerator von Banken, der Gründern Zugang zu den Ressourcen einer Bank ermöglicht, ohne Anteile zu erwerben. Dazu ist er als Senior Manager zuständig für Business Development und Innovation Management bei der comdirect. Daneben ist er Partner einer Strategieberatung und hat seine berufliche Vita vor der comdirect stets in der klassischen Strategieberatung verbracht. Er setzt sich als Speaker und Panelgast für einen engen und fairen Dialog zwischen Banken und Fintechs, ein. Mit P2P Investment sprach er über das revolutionäre Potential der P2P-Geldanlage.

Lieber Herr Bodek, Fintechs sind in aller Munde. Eine große Welle der Veränderungen rollt auf die Finanzbranche zu. So scheint es zumindest. Wie sehen Sie bei Comdirect die Rolle all dieser neuen Startups?

Sehr positiv. Banken werden inspiriert und werden teilweise auf ein Stück weit aus der Reserve gelockt. Die Branche muss und wird sich erneuern. Und Fintechs dienen hier als Öl im Getriebe.

„Die P2P-Geldanlage ist eine ernstzunehmende Alternative“

Die Geldanlage per P2P-Kredit ist ein besonders stark wachsender Sektor innerhalb der großen Fintech-Szene. Wird das Kreditgeschäft im Internet zur ernsthaften Konkurrenz für die etablierten Geschäftsbanken?

Das kommt darauf an, inwiefern das Gros der Kunden dieses Angebot annehmen wird. Im B2C-Segment funktioniert das mittlerweile gut, ist aber ein Nischensegment. Im B2B-Bereich sehe ich Crowdfinanzierungen als ernstzunehmende Finanzierungsalternative für die klein- und mittelständischen Unternehmen.

Woran krankt die P2P Investment-Branche aus Ihrer Sicht momentan noch?

Ich glaube nicht, dass es grundsätzlich an etwas krankt. Das Angebot ist neu, die Veränderungen in der Finanzbranche sind auch für den Kunden spürbar und vielfältig. Beim Thema Finanzen springen Kunden nicht gleich auf jeden Zug auf. Anbieter müssen also zunächst langfristig Vertrauen aufbauen, um auch eine größere Anzahl an Kunden zu erreichen. Dennoch wird das P2P-Geschäft „nur“ eine Ergänzung zu konventionellen Angeboten sein. Aber allein das ist schon ein Erfolg.

Noch sind Plattformen wie auxmoney und Lendico gesetzlich zur Zusammenarbeit mit Banken verpflichtet. Ist dies ein Hemmschuh?

Ich hoffe, sie bleiben das auch zukünftig! In Deutschland wird viel über die Regulatorik geschimpft. In gewissen Themengebieten ist Kritik auch berechtigt, aber es entsteht ein falscher Eindruck: Die Regulatorik in Deutschland ist für Banken ja ein Glücksfall, sie beschützt die bestehenden Geschäftsmodelle und die Kunden. Andererseits darf sie kein Hemmschuh für Neuerungen sein – hier zeichnet sich aber ein klarer Trend ab, dass die BaFin oder das BMF sehr offen und gesprächsbereit sind.

Wie sieht Comdirect die zukünftigen Möglichkeiten zur Kooperation?

Wir beobachten alle Bewegungen im Umfeld sehr exakt und monitoren diese mit einem ausgeklügelten System. Insofern werden auch P2P-Geschäftsmodelle laufend evaluiert und die Adaptionsfähigkeit für unser Leistungsangebot überprüft.

Gibt es bereits Technologien, die Comdirect konkret adaptieren konnte?

Nun, wir standen kurz vor einer Produkteinführung im vergangenen Jahr in Kooperation mi einem bekannten P2P-Startup, haben uns damals aber dagegen entschieden. Das hatte jedoch nichts mit dem P2P-Geschäftsmodell zu tun, sondern war eine anders gelagerte unternehmerische Entscheidung.

Welche Gedanken machen Sie sich bei Comdirect bezüglich eines eigenen Engagements auf diesem Gebiet? Werden bereits Pläne skizziert? Wie agiert Ihre Startup-Garage hier konkret?

Für die comdirect Startup Garage sind diese Geschäftsmodelle in der Tat interessant und wir freuen uns über jede Bewerbung aus diesem Segment. Ergibt sich aus unserem Tracking oder durch die Garage ein Kontakt zu einem Startup, den wir als attraktiv erachten, machen wir auch ein Angebot.

Welche Startups haben Sie aktuell auf dem Schirm? Welche Perlen haben Sie bislang entdecken können?

Überraschend viele, die einen Schritt weiter als die bloße P2P-Payment-Lösung gehen. Nicht unbedingt im deutschsprachigen Raum und im Einzelfall ist immer zu prüfen, ob Geschäftspraktiken auch in Deutschland anwendbar sind. Einen Einblick möchte ich an der Stelle nicht geben – die bekannten Player hat jeder auf dem Schirm. Unser Fokus und unsere spezifische Ausrichtung gelten der Frühidentifikation von Gründern, die vielleicht noch nicht die große Öffentlichkeit genießen und noch spannendere Use Cases entwickeln.

„Neue Anlagemodelle“

Kann ein P2P-Kredit aus Ihrer Sicht langfristig eine ernsthafte Alternative für Privatanleger werden?

Alternative ja, Substitut nein. Ich glaube, dass es eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Formen der Geldanlage darstellt. Es ermöglicht im Kern auch die Transformationen von Lending- in Anlagemodelle, da wird in den kommenden Monaten ein bisschen was in den Markt kommen, was auch Teile der Banken überraschen wird – Stichwort: Sachwertinvestition.

Können Sie hier etwas konkreter werden? Wie wird dieses Modell der Sachwertinvestition aus Anlegersicht funktionieren?

Na dann wäre es ja keine Überraschung mehr. Das wird auch nicht exklusiv von der comdirect getrieben, es gibt aber einige Banken, die da in Kombination mit Startups – nicht zwangsläufig klassischen Fintechs – an Lösungen arbeiten.

„Der Change passiert im Hier und Jetzt“

Ein bisschen Science-Fiction zum Abschluss: Was können wir von Fintechs und insbesondere von den P2P Investment-Plattformen in Zukunft noch erwarten?

Die Weltherrschaft wäre vermessen. Aber wenn sich der P2P-Gedanke etabliert, ist das ein toller Fingerzeig, dass Geldanlage oder Lending nicht nur mit traditionellen Instituten möglich ist. Das ist gemessen an der Bankenlandschaft, die teils 250 Jahre alt ist, reale, aktuelle erlebte Science Fiction für mich. Wir müssen nicht zu weit in die Zukunft gucken, der Change passiert im Hier und Jetzt – das ist für mich spannender als die nicht greifbare Zukunft.

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